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Friedrich Kumpf
Auch im 21. Jahrhundert wird Sozialismus mit der Frage nach der eigenen Zukunftsperspektive konfrontiert sein. Dies umso mehr, als bewusste Gestaltung gesellschaftlicher Verhältnisse, ohne die Sozialismus wohl nicht auskommen dürfte, ohne ein entsprechendes Perspektivbewusstsein kaum denkbar ist. Die Frage mag zum gegenwärtigen Zeitpunkt weder aktuell noch drängend erscheinen. Aber auch die Erfahrungen mit dem Sozialismus im zwanzigsten Jahrhundert machen deutlich, dass sie für dessen Geschick nicht unwichtig war. Aus marxistischer Sicht kann es sich nur um die kommunistische Perspektive der Gesellschaft handeln. Da es gegenwärtig nicht um ein unmittelbar praktisches Problem, sondern eher um gedankliche Antizipationen geht, ist es sinnvoll auch im Zusammenhang mit dem Sozialismus im 21. Jahrhundert sich auf jene Gedanken zu besinnen, mit denen Karl Marx im 19. Jahrhundert jene Perspektive umrissen hat.
Marx war Kommunist und seine theoretische und politische Tätigkeit war immer darauf ausgerichtet, den Weg in die kommunistische Perspektive theoretisch zu begründen und praktisch zu öffnen. Dem widerspricht nicht, dass Marx keine Theorie einer kommunistischen Gesellschaft geschaffen hat. Er beschränkte sich darauf, die inneren Widersprüche der ihm gegenwärtigen kapitalistischen Gesellschaft und die ihr immanenten Entwicklungstendenzen in der objektiven Realität zu untersuchen und die darin liegenden Tendenzen ihrer Überwindung und des Übergangs zu einer neuen Gesellschaft sowie die Voraussetzungen eines solchen Übergangs aufzuzeigen. Den Kommunismus charakterisierte er nur mit einigen aus dieser Analyse sich ergebenden und in sie meist eingeflochtenen perspektivischen Skizzen. Aussagen über zukünftige Entwicklungen erlaubte er sich nur, so weit sie sich aus der Untersuchung der realen gegenwärtigen Prozesse ergaben. Übrigens hat der junge Lenin diese Seite des Marxschen Schaffens besonders hervorgehoben: "Marx hat seit Beginn seiner literarischen und revolutionären Tätigkeit an eine soziologische Theorie die Forderung gestellt, den tatsächlichen Prozess getreu wiederzugeben, und weiter nichts… In seinem ‚Kapital' hat er dieser Forderung in strengster Weise Genüge getan: da er sich die wissenschaftliche Analyse der kapitalistischen Gesellschaftsformation zur Aufgabe gemacht hatte, setzte er einen Schlusspunkt, sobald nachgewiesen war, dass der sich vor unseren Augen tatsächlich abspielenden Entwicklung dieser Organisation eine bestimmt Tendenz innewohnt, dass sie unvermeidlich zugrunde gehen und sich eine in eine andere, eine höhere Organisation verwandeln muss." [2] In der Tat beschränkte sich Marx in seiner Analyse der kapitalistischen Produktionsweise darauf, deren Schranke aufzuweisen. Im dritten Band des "Kapital" formuliert er sie so: " Die wahre Schranke der kapitalistischen Produktion ist das Kapital selbst, ist dies: dass das Kapital und seine Selbstverwertung als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck der Produktion erscheint; dass die Produktion nur Produktion für das Kapital ist und nicht umgekehrt die Produktionsmittel bloße Mittel für eine stets sich erweiternde Gestaltung des Lebensprozesses für die Gesellschaft der Produzenten sind. [3]
Die Zukunftsfähigkeit des Marxismus ist in hohem Maße an die Richtigkeit dieser Erkenntnis geknüpft. Möglicherweise konnte Marx noch nicht einmal ahnen, in welchem Maße unter den Bedingungen eines immer noch fortbestehenden Kapitalismus diese Schranke die Lösung der drängendsten Menschheitsprobleme behindern sollte. Massenarbeitslosigkeit riesigen Ausmaßes im globalen Maßstab, Armut und Hunger in weiten Teilen der Welt, Kriege als permanente Begleiter des heutigen Lebens, um nur einige der gravierenden Probleme zu nennen, können vor allem nicht gelöst werden, weil das Kapital und seine Selbstverwertung, d.h. die Produktion von Profit, als letztlich immer entscheidendes Handlungsmotiv in dieser Gesellschaft fungiert. Für Marx knüpfte sich an die Feststellung der Schranke des Kapitalismus die Notwendigkeit ihrer Überwindung. Er hat sich aber gehütet, ein detailliertes Bild der darauf folgenden Gesellschaft zu entwerfen, sondern sich darauf beschränkt, die wichtigsten Bedingungen für den Übergang zu einer höheren Organisation herauszuarbeiten, in erster Linie die Erhebung der Arbeiterklasse zur herrschenden Klasse, die Aufhebung des Privateigentums an Produktionsmitteln und die möglichst rasche Vermehrung der Produktivkräfte. Er hat zwar, auf Grund vor allem der Erfahrungen erster praktischer Versuche einer Umwälzung der kapitalistischen Verhältnisse, diese Bedingungen konkretisiert, z.B. wenn er nach 1871 in der Pariser Kommune ein tragfähiges Modell, nach dem sich die Arbeiterklasse als herrschende Klasse konstituieren kann, erblickte. Aber er hat sich nie daran gemacht, etwa eine Theorie der künftigen Gesellschaft auch nur zu entwerfen. Das alles bedeutet aber nicht, dass Marx der Frage nach der künftigen Gesellschaft keine große Bedeutung beimaß. Das Gegenteil ist richtig.
Schon im "Kommunistischen Manifest" ist die Aufzählung der nächsten Maßnahmen nach einer Revolution, die den Charakter von Übergangsschritten zu einer neuen Gesellschaft besitzen sollten, verbunden mit einer allgemeinen Charakterisierung des Wesens dieser neu zu erstrebenden Gesellschaft. Es heißt dort: "Wenn das Proletariat im Kampfe gegen die Bourgeoisie sich notwendig zur Klasse vereint, durch eine Revolution sich zur herrschenden Klasse macht und als herrschende Klasse gewaltsam die alten Produktionsverhältnisse aufhebt, so hebt es mit diesen Produktionsverhältnissen die Existenzbedingungen des Klassengegensatzes, der Klassen überhaupt und damit seine eigene Herrschaft als Klasse auf. An die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft mit ihren Klassen und Klassengegensätzen tritt eine Assoziation, worin die freie Entwicklung eines jeden die Bedingung für die freie Entwicklung aller ist." [4] Eben hierin sah Marx die Gesellschaft, die an die Stelle der alten bürgerlichen Gesellschaft tritt. Mit anderen Worten: die kapitalistische Gesellschaft wird nach Marx durch die kommunistische Gesellschaft abgelöst, eine Gesellschaft ohne Klassen und Klassenkämpfe, folglich auch ohne Klassenherrschaft. Wenn Marx in der Herrschaft des Proletariats eine Notwendigkeit für diesen historischen Übergang sieht, dann knüpft er daran das Ziel, diese eigene Herrschaft als Klasse aufzuheben. Dieser Gedanke des Manifestes ist grundlegend für die Zukunftsvision des Marxismus. Wer dieses Ziel aus den Augen verliert, es als hoffnungslos veraltet betrachtet, es als Utopie einer irdischen Transzendenz überlässt und am Ende als gestandener Realist sich dieses Gedankens vielleicht sogar schämt, der hat mit der Zukunftsfähigkeit des Marxismus nicht viel im Sinn. Das gilt sowohl für Marxisten, welche sich längst von der Überwindung der kapitalistischen Verhältnisse verabschiedet und sich in der bestehenden Klassengesellschaft eingerichtet haben als auch für Marxisten, die wohl eine revolutionäre Umwälzung der kapitalistischen Gesellschaft erstreben, aber die Frage nach der kommunistischen Gesellschaft, welche laut Manifest von Marx und Engels die bürgerliche Gesellschaft ablöst, entweder in einer ferne und vage Zukunft verbannen oder sie auf eine Art marxistisches Glaubensbekenntnis ohne praktische Bedeutung reduzieren.
Marx sah im Kommunismus nicht eine Utopie, einen nicht verwirklichbaren Traum, sondern die auf den Kapitalismus folgende Gesellschaftsordnung. Die erste Phase in der Entwicklung der kommunistischen Gesellschaft, für die sich erst nach Marx die Bezeichnung Sozialismus einbürgerte, war für die Begründer des Marxismus eine unvermeidbare historische Übergangsphase, aber kein Selbstziel. So heißt es auch in den Ende 1847 unter maßgeblicher Teilnahme von Marx und Engels verfassten Statuten des Bundes der Kommunisten unter Artikel 1.: "Der Zweck des Bundes ist der Sturz der Bourgeoisie, die Herrschaft des Proletariats, die Aufhebung der alten auf Klassengegensätzen beruhenden Gesellschaft und die Gründung einer neuen Gesellschaft ohne Klassen und ohne Privateigentum". [5] Von Anfang an waren zwei historische Aufgaben für sie untrennbar miteinander verbunden: die Erhebung des Proletariats zur herrschenden Klasse und die Ausrichtung dieser Herrschaft auf die Beseitigung jeglicher Klassenherrschaft, auch der eigenen.
Dies hervorzuheben ist nicht zuletzt deshalb wichtig, weil die gesellschaftliche Akzeptanz auch eines Sozialismus des 21. Jahrhunderts und damit seine Erfolgsaussichten unter anderem davon abhängen wird, worin seine Akteure die reale Perspektive der von ihnen angestrebten umwälzenden gesellschaftlichen Entwicklungen sehen. Wenn diese sich praktisch in der Ersetzung einer Art der Klassenherrschaft durch eine andere erschöpft, kann das seine gesellschaftliche Akzeptanz und damit auch seine historischen Chancen durchaus einschränken. Entscheidend aber, warum die Übergangsphase zu einer neuen Gesellschaft eben als Übergang und nicht als etwas sich selbst genügendes verstanden werden darf, ist ihr spezifischer Charakter.
Bekanntlich ist Karl Marx am ausführlichsten auf diese Übergangsphase in seiner "Kritik des Gothaer Programms" eingegangen. Er bezeichnet sie dort als erste Phase der kommunistischen Gesellschaft, "wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft nach langen Geburtswehen hervorgegangen ist" [6] Der letzte Umstand ist wesentlich für ihre allgemeine Charakterisierung durch Marx: "Womit wir es hier zu tun haben ist eine kommunistische Gesellschaft, nicht wie sie sich auf ihrer eigenen Grundlage entwickelt hat, sondern umgekehrt, wie sie eben aus der kapitalistischen Gesellschaft hervorgeht, also in jeder Beziehung, ökonomisch, sittlich, geistig noch behaftet ist mit den Muttermalen der alten Gesellschaft, aus deren Schoß sie herkommt." [7] Er legt das dort vor allem am Problem des Austausches von Konsumtionsmitteln dar, wobei er zu dem Ergebnis kommt: "Das gleiche Recht ist hier daher immer noch dem Prinzip nach - das bürgerliche Recht." [8] Marx meint hier vor allem, dass die Verteilung von Konsumtionsmitteln nach geleisteter Arbeit die Ungleichheit der Individuen außer Acht lässt und das gleiche Recht sich daher in ein "Recht der Ungleichheit" [9] wandelt.
Die bisherigen realen Erfahrungen mit dieser von Marx vorhergesagten Entwicklungsphase haben gezeigt, dass das Problem der Muttermale der alten Gesellschaft ernster und tiefer ist, als es Marx vermutlich geahnt hat. Marx hat, wie aus dem zitierten Text zu ersehen ist, vorausgesetzt, dass die Warenproduktion bereits in dieser Phase weitgehend überwunden ist und das Geld als allgemeines Äquivalent nicht mehr existiert. In der realen Entwicklung hat sich eine Art Zwitter herausgebildet, eine Wirtschaft, die auf Grund des Gemeineigentums an den entscheidenden Produktionsmitteln eine Warenwirtschaft ausschloss, da es sich nicht um voneinander unabhängige Warenproduzenten handelte. Marx hatte im "Kapital" prononciert formuliert: "Nur Produkte selbständiger und voneinander unabhängiger Privatarbeiten treten einem als Waren gegenüber". [10] Andererseits waren dieser Wirtschaft wesentliche Elemente der Warenwirtschaft wie das Geld, welches, wenn auch eingeschränkt, weiterhin als allgemeines Äquivalent fungierte, eigen. Dazu kommt, dass sie - von Marx nicht vorhergesehen - über die außenwirtschaftlichen Beziehungen Bestandteil des globalen Warenhandels war. Weiter kann dieser Frage hier nicht nachgegangen werden.
Das Problem der Muttermale erstreckt sich keineswegs nur auf die Wirtschaft. Zu den Muttermalen gehört nicht zuletzt jene gesellschaftliche Form, in welcher sich der neue gesellschaftliche Zusammenhang ohne die in den bürgerlichen Produktionsverhältnissen gründende Entfremdung entwickeln sollte, der Staat. Freilich handelt es sich nicht mehr um den alten Staat, da sein Klassencharakter sich radikal geändert hat. Und dennoch hat die Erfahrung gezeigt, dass ein primär über Staatlichkeit sich realisierender gesellschaftlicher Zusammenhang Entfremdung nicht los wird.
Lenin hatte unmittelbar vor der Revolution diesen zunächst zu errichtenden Staat als einen Staat bezeichnet, der im eigentlichen Sinne schon kein Staat mehr ist, da er zum Machtinstrument der Mehrheit des Volkes wird. In einer solchen Sicht auf diesen Staat, die durchaus den Intentionen der Begründer des Marxismus entsprach, lag als Konsequenz die Notwendigkeit einer Politik, die sich auch auf die praktische Überwindung von Staatlichkeit und damit von politischer Herrschaft überhaupt orientierte. Natürlich konnte es sich dabei nicht um kurzfristige Orientierungen und rasche Schritte handeln. Dies um so weniger, als die objektiven Bedingungen alles andere als günstig dafür waren. Die weiter bestehende kapitalistische Umwelt und das insgesamt niedrige wirtschaftliche Ausgangsniveau beeinträchtigten die Möglichkeiten einer solchen Politik auf einschneidende Weise. Dennoch wären energischere Schritte in diese Richtung möglich gewesen. So hätte eine unmissverständliche Entwicklung und Stärkung gesellschaftlicher Selbstverwaltung auf verschiedenen Gebieten die bestehende Ordnung nicht geschwächt sondern gestärkt und wäre ein realer Schritt in Richtung einer höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft gewesen. Dies geschah jedoch nicht oder nur recht zögerlich. Ja mehr noch, je weiter die Entwicklung ins Land ging umso weniger spielte die Orientierung auf gesellschaftliche Selbstverwaltung eine nennenswerte Rolle. Die damit einhergehende Orientierung auf allseitige Stärkung der Staatlichkeit trug in nicht geringem Maße dazu bei, dass die kommunistische Perspektive sich immer mehr wie in einer fernen Nebelwand verlor. Damit aber begann dasjenige im politischen Blick zu verschwimmen, was der eigentliche Sinn des Anliegens von Marx und des nach ihm benannten Marxismus war, die Errichtung jener gesellschaftlichen Ordnung, welche den Kapitalismus abzulösen berufen ist. Erklären lässt sich das nur zum Teil aus jenen objektiven Schwierigkeiten, mit denen der Sozialismus in seiner realen Entwicklung konfrontiert war. Eine wirkliche Analyse der dafür außerdem maßgeblichen Gründe kann hier nicht vorgenommen werden. Aber wir dürfen wohl davon ausgehen, dass auch dazu beigetragen hat, dass nicht wenige der bestimmenden Akteure in jener sich hinziehenden Übergangsphase sich inzwischen in diesem Übergang so sehr eingerichtet hatten, dass sie ihn gar nicht mehr missen wollten und anfingen in ihm ein schon erreichtes Ziel zu sehen, das es nur noch zu sichern galt.
Schon aus dem eben Gesagten geht hervor, dass die von Marx so genannten Muttermale der alten Gesellschaft in der Übergangsphase vom Kapitalismus zum Kommunismus nicht irgendwelche Schönheitsfehler waren, die vor allem dazu dienen konnten, nicht weg zu diskutierende Mängel zu entschuldigen, sondern das Wesen dieser Übergangsgesellschaft betrafen. Es handelte sich um nicht zu vermeidende grundlegende Widersprüche dieser Gesellschaft, von deren Lösung in erheblichem Maße ihr Geschick abhing. Auf ökonomischem Gebiet war dies der Widerspruch zwischen gesamtgesellschaftlicher Produktion und individuellem Maß der Arbeit und der Verteilung. Wie jeder Widerspruch musste er als "ein energisches zu Auflösung drängende Verhältnis" (Marx) einer Lösung zugeführt werden. Dafür boten sich nur zwei Möglichkeiten an: der Übergang zu einem gesellschaftlichen Maß der Arbeit und Verteilung, das heißt ein Weg in Richtung der höheren Phase der kommunistischen Gesellschaft, um wiederum mit Marx zu sprechen, oder die Aufgabe des gesamtgesellschaftlichen Charakters der Produktion durch eine Transformation in Richtung Warenwirtschaft auf deren ureigenster Basis, nämlich zum Kapitalismus. So lange eine Gesellschaft nicht in der Lage ist, einen grundlegenden Widerspruch einer endgültigen Lösung zuzuführen, kann sie ihn nur dadurch aushalten, dass sie für ihn die erforderliche Form der Bewegung findet. Da dies aber in diesem Fall zugleich die Bewegungsform der Gesellschaft selbst betrifft, hängt die Möglichkeit, ihn auszuhalten und zu beherrschen, nicht zuletzt davon ab, welche historische Perspektive sich diese Gesellschaft ganz bewusst gibt. Dieses Perspektivbewusstsein ist im so genannten real existierenden Sozialismus immer mehr verkümmert, weshalb von einer gezielten Entwicklung in Richtung der erstgenannten Lösung jenes Widerspruchs auch kaum noch die Rede sein konnte. So musste schon aus diesem Grunde die Situation kommen, wo die Gesellschaft aufhörte, die Kraft zu sein, "den Widerspruch in sich zu fassen und auszuhalten" [11].Das Ergebnis ist bekannt. Freilich ist darin nicht der einzige Grund für die Niederlage des europäischen Sozialismus zu sehen, aber eine wesentliche Rolle kommt dabei dieser Problematik schon zu.
Nun sind wir uns natürlich des Umstandes bewusst, dass die Realisierung der kommunistischen Perspektive keine aktuelle praktische Aufgabe ist. Das kann aber nicht heißen, dass jemand, der sich am Marxismus orientiert, dieser Perspektive keine Aufmerksamkeit schenken sollte. Wenn auch ihre Realisierung nicht aktuell ins Haus steht, so ist die Frage nach ihr sogar außerordentlich akut. Jene Schranke des Kapitalismus, von der Marx im "Kapital" gesprochen hatte, ist im Vergleich zur Entstehungszeit dieses Werkes zu einem viel schärferen Problem für die Entwicklung der menschlichen Gesellschaft geworden. Die Überwindung dieser Schranke ist heute eine Frage nach dem Überleben der menschlichen Gesellschaft.
Wenn Marx die Schranke des Kapitalismus im Kapital selbst gesehen hatte, weil hier das Kapital und seine Selbstverwertung, d.h. die Produktion von Mehrwert und Erzielung von Profit letztlich alles entscheidendes Motiv, Sinn und Ziel des ganzen Wirtschaftslebens sind, so durchdringt dieses Motiv und Ziel zunehmend alle Lebensbereiche dieser Gesellschaft und wird zur fast alles beherrschenden Motivation des öffentlichen und privaten Lebens. Jeder erlebt dies tagtäglich. Früher stellten Wasserbetriebe Trinkwasser bereit, damit die Menschen ihren Durst stillen konnten. Das gilt zwar auch heute noch, aber der Hauptzweck ist inzwischen in vielen Fällen nicht mehr dies, sondern Dividende und Aktienkurs entsprechender Gesellschaften, wozu die Durstbefriedigung eben nur noch ein Mittel ist. Aber nicht nur, dass eine hemmungslose Privatisierung immer mehr dazu führt, noch vorhandene Restbestände von Gemeineigentum den rigorosen Bedingungen der Kapitalverwertung zu unterwerfen, womit eine Enteignung riesigen Ausmaßes, eine weitgehende Enteignung der Gemeinschaft, betrieben wird, die ganze Gesellschaft wird vom Geist der mit der kapitalistischen Warenwirtschaft untrennbar verknüpften Konkurrenz in einem solchen Maße durchtränkt, dass das Konkurrenzverhältnis als das normale zwischenmenschliche Verhältnis erscheint. In allen gesellschaftlichen Sphären hat es sich nicht nur eingenistet, sondern ist überall zum dominierenden Faktor geworden. Längst nicht nur die Wirtschaft im engeren Sinne, auch Kultur, Gesundheitswesen, Sport, Erholung, Freizeit und andere Lebensbereiche werden immer mehr dieser Dominanz unterworfen. Es ist dies eine direkte Folge davon, dass der heutige Kapitalismus zunehmend alle Sphären des menschlichen Lebens der Selbstverwertung des Kapitals "als Ausgangspunkt und Endpunkt, als Motiv und Zweck" subsumiert. Für Produzenten wie Konsumenten gilt: was sie auch tun, entscheidender Zweck ihres Tuns ist immer die Selbstverwertung des Kapitals. Das Kapital ist Selbstzweck, nicht der Mensch. Die große Mehrheit der Menschen ist objektiv Mittel für diesen Zweck, unabhängig davon, ob sie sich dieses grundlegenden Sachverhaltes bewusst sind oder nicht. Damit hat diese Gesellschaft sich in sich völlig verkehrt. Was Mittel zur Gestaltung des Lebensprozesses der ganzen Gesellschaft zu sein berufen ist, nämlich der gesellschaftliche Produktionsprozess im weitesten Sinne, ist als entscheidendes Feld der Selbstverwertung des Kapitals zum Selbstzweck geworden, demgegenüber die produzierenden und zu einem großen Teil auch die konsumierenden Menschen Mittel für diesen Zweck sind.
Wenn Marx darin die Schranke des Kapitals sah, so meinte er damit, dass das Kapital nicht mehr der Gesellschaft, sondern die Gesellschaft dem Kapital dient. Eine Aufhebung dieser Schranke kann daher nur bedeuten, den gesellschaftlichen Produktionsprozess endlich in den Dienst der Gesellschaft zu stellen, womit er zu einem unmittelbaren Bestandteil des gesellschaftlichen Lebensprozesses und seiner Gestaltung wird. Um nichts anderes handelt es sich bei der von Marx anvisierten kommunistischen Perspektive der Menschheit.
Eine neue Dimension bekommt die Notwendigkeit, die von Marx charakterisierte Schranke zu überwinden, unter anderem dadurch, dass das Kapital immer mehr seine produktive Funktion in der Gesellschaft verliert. Während zu Zeiten von Marx die Selbstverwertung des Kapitals noch weitgehend in die reale Produktion von Gebrauchswerten als Träger des Wertes eingeschlossen war, so gewinnt heute die Selbstverwertung von Kapital ohne Beziehung zum realen Produktionsprozess immer größeres Gewicht. So werden heute riesige Gewinne auf rein spekulativem Wege erzielt, die keinerlei Beziehung zu einer für die Gesellschaft nutzbaren Tätigkeit haben. Damit demonstriert das Kapital selbst, in welchem Maße es für das reale Leben der Gesellschaft überflüssig geworden ist. Hier kann auf dies alles nur hingewiesen werden. Aber es gibt einen Umstand, auf den noch einzugehen ist, weil er die Notwendigkeit einer grundsätzlich anderen Gesellschaft so außerordentlich akut werden lässt.
Es war schon die Rede davon, dass die schrankenlose Vorherrschaft der kapitalistischen Warenproduktion und ihrer Derivate dazu geführt hat, dass die mit ihr unlöslich verbundene Konkurrenz alle Poren dieser Gesellschaft durchdringt. Diese Konkurrenz ist aber nichts anderes als ein Verhältnis der Feindlichkeit, welches die Warenwirtschaft unausweichlich zwischen allen Gliedern der Gesellschaft etabliert und ständig reproduziert. Die beherrschende Stellung, welche die Warenwirtschaft in der Welt des globalen Kapitalismus einnimmt, führte dazu, dass ihre Verhältnisse einschließlich des ihr immanenten Konkurrenzverhältnisses als quasi naturgegeben wahrgenommen und von der herrschenden Ideologie als solche im massenhaften Bewusstsein verfestigt werden. Damit ist in dieser Gesellschaft ein Geist entstanden, welcher von den genannten Verhältnissen völlig durchtränkt ist und es außerordentlich erschwert, sie in Frage zu stellen. Das schließt aber ein, dass auch die dem Konkurrenzverhältnis wesenseigene Gegnerschaft die jederzeit in Feindschaft umschlagen kann - ob latent oder offen - als etwas ganz Natürliches erscheint. Dies umso mehr, als es in der entwickelten Warenproduktion als ein grundlegendes Verhältnis fungiert, welches unabhängig von den Intentionen der einzelnen handelnden Individuen da ist. Daran vermögen auch ernst gemeinte humanistische oder karitative Gegenaktivitäten nichts zu ändern, da es sich um ein grundlegendes Element der allgemeinen Warenwirtschaft - auch Marktwirtschaft genannt - handelt. Von diesen in ihrer Grundlage wirtschaftlichen Verhältnissen geht eine Wirkung auf alle gesellschaftlichen Sphären aus: das in der Konkurrenz liegende Moment von Gegnerschaft und Feindschaft lässt Feindlichkeit in allen Bereichen als etwas nicht unbedingt Begrüßenswertes aber durchaus Normales erscheinen. Die schärfste und barbarischste Form dieses Verhältnisses ist der Krieg. So lange die in der entwickelten Warenwirtschaft liegenden Verhältnisse immanenter Feindlichkeit die Grundlage aller gesellschaftlichen Verhältnisse sind, ist auch der Krieg als Mittel der Durchsetzung partieller Interessen grundsätzlich nicht auszuschließen. Damit ist aber die weitere Existenz der Menschheit selbst durch die bestehenden Verhältnisse in Frage gestellt. Seit die Selbstvernichtung der Menschheit als reale Möglichkeit besteht, kann man sie so lange nicht ausschließen, so lange Verhältnisse existieren, denen Feindlichkeit und nicht Solidarität als bestimmendes Verhältnis zu Grunde liegt. Die heutige Situation, da die reale technische Möglichkeit zur Vernichtung der Menschheit gegeben ist und die grundlegenden gesellschaftlichen Verhältnisse auf allen Ebenen so beschaffen sind, dass sie Feindlichkeit zwischen Gruppen und Individuen nicht ausschließen sondern ihrem Wesen nach einschließen, was auch Gewaltanwendung immer wieder involviert, verlangt drängend nach einem grundlegend anderen Typ gesellschaftlicher Verhältnisse. Es ist dies eine Notwendigkeit im Wortsinn dieses Begriffes: eine Not, die es zu wenden gilt bei Strafe des Untergangs.
Damit aber ist die Überwindung der kapitalistischen Gesellschaft und der Warenwirtschaft überhaupt zu einer Existenzfrage der Menschheit geworden. Karl Marx hatte dafür die kommunistische Perspektive der Menschheit anvisiert, in welcher die Warenwirtschaft mit ihren Implikationen überwunden ist. Erst in einer Gesellschaft, in der die gesellschaftlichen Grundverhältnisse frei von jener Feindlichkeit sind und eine solidarische Basis für das Leben der ganzen Gesellschaft konstituieren, besteht die reale Möglichkeit, Kriege aus dem Leben der Menschen wirklich zu verbannen und der Möglichkeit einer Selbstvernichtung der Menschheit, die im entgegen gesetzten Falle immer über ihr schweben würde und jederzeit Wirklichkeit werden könnte, erfolgreich zu begegnen. Natürlich können auch wir heute nicht ein konkretes Bild dieser so notwendigen künftigen Gesellschaft geben. Wer will, mag darin auch etwas Utopisches erblicken. Das kann aber nicht heißen, dass man sie nicht als ein historisches Ziel ansteuern sollte. Ihre realen Konturen werden sich im Prozess der wirklichen Bewegung dahin immer klarer abzeichnen. Auf alle Fälle wird sie die Kapitalverwertung als wichtigstes Ziel und hauptsächliche Motivation des der Gesellschaft zugrunde liegenden Wirtschaftslebens sowie das Konkurrenzverhältnis als Solidarität ausschließendes und unausweichlich Feindlichkeit in den gesellschaftlichen Verhältnissen konstituierendes Element überwunden haben müssen. Es ist dies für die Menschheit eine existenzielle Frage. Wer in der kommunistischen Perspektive nichts als eine nicht realisierbare Utopie sieht, der sollte sich eingestehen, dass er damit auch die Überlebensfähigkeit der Menschheit ins Reich der Utopie verweist. Hoffen wir also, dass es gelingt, die Zukunftsfähigkeit der kommunistischen Perspektive praktisch unter Beweis zu stellen.
1 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.25, Berlin 1977, S. 260
2 W.I.. Lenin, Werke, Bd. 1, Berlin 1965, S. 171-172
3 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.25, Berlin 1977, S. 260
4 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.4, Berlin 1959, S. 482
5 Karl Marx/Friedrich Engels: Werke, Bd.4, Berlin 1959, S. 569
6 Mega, erste Abteilung, Berlin 1985, S. 13
7 Mega, erste Abteilung, Berlin 1985, S. 14
8 Mega, erste Abteilung, Berlin 1985, S. 14
9 Mega, erste Abteilung, Berlin 1985, S. 14
10 Karl Marx, Das Kapital Bd. 1, Berlin 1961, S. 46
11 G.W.F. Hegel, Wissenschaft der Logik, Bd. 2, S. 76 Frankfurt/M 1974
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