Beiträge:


zurück          

Weltökonomie und Weltpolitik im Marxschen Denken

Michael R. Krätke

Nach konventioneller akademischer Weisheit, so wie sie in der wohl etablierten Disziplin der "Internationalen Beziehungen"/ "Internationalen Politik" verbreitet wird - übrigens auch von Marxisten - kann man in der marxistischen Tradition nichts lernen und kaum etwas Substantielles finden über die internationale Politik. In Darstellungen des "Marxismus" in den Lehrbüchern und Artikeln, die die verschiedenen theoretischen Richtungen / Strömungen in der "Internationalen Politik" vorstellen, wird diese Strömung in aller Regel mit wenigen, höchst oberflächlichen Bemerkungen abgefertigt (das gilt auch und gerade für solche, die die internationale politische Ökonomie behandeln sollen). Mit schöner Regelmäßigkeit wird Marx als Idealist geschildert, als Anhänger und Fürsprecher eines (illusorischen) "proletarischen Internationalismus", als Prophet eines kommenden Regimes des "allgemeinen und immerwährenden Friedens", also als eine Art Kant in Rot. Die Marxisten (die wenigen, die es in diesem Feld, dem weitaus wichtigsten in der Politikwissenschaft, überhaupt gibt) machen ihre Sache nicht viel besser, da sie sich darauf beschränken, ein paar, methodisch gemeinte Grundsätze des Historischen Materialismus zu referieren, und unweigerlich einige der üblichen und falschen Behauptungen über den generellen Mangel einer politischen oder Staatstheorie, mithin auch einer Theorie der internationalen Beziehungen im Marxschen Werk wiederholen. Oder sie ersetzen das fragmentarische und unvollendete Marxsche Werk durch einige nicht minder fragmentarische und unvollendete (unausgeführte) Bemerkungen, die sie Gramscis Gefängnisheften entnehmen. Was ihnen an theoretischer Klarheit und Strenge, ja an Begrifflich-keit fehlt, das ersetzen die Neo-Gramscianer / Neo-Marxisten (etwa die der Amsterdamer Schule) durch eine Menge von Modewörtern und Jargon.

Deshalb lohnt es sich bis heute, einen genaueren Blick auf das zu werfen, was Marx (und Engels) tatsächlch in ihrer Zeit über die internationalen Beziehungen im Kontext des kapitalistischen Weltsystems, so wie sie es kannten, zu sagen hatten. Erstens, es gibt sehr vieles dazu von Marx selbst. In verschiedenen Schriften (von 1844 bis in die 1870er Jahre - was eng mit Engels' wichtigen und gewichtigen Schriften über Krieg und Militär (also das klassische Terrain der Staaten, die im 19. Jahrhundert noch allesamt in erster Linie Militärmaschinen waren) - nehmen die internationalen Beziehungen, das Staaten-System im Zeitalter der Transformation zum Nationalstaat und im Kontext eines kapitalistischen Weltmarkts, der sich in Sprüngen (und Brüchen) entwickelt, und im Zusammenhang mit verschiedenen Formen des Empire bzw. des Imperialismus einen prominenten Platz ein. In Marx' Arbeiten seit Anfang der 1850er Jahre finden wir zwei Auffassungen, die miteinander im Konflikt stehen, in einem Konflikt, der allerdings das konventionelle akademische Schema - hie "Realismus" und dort "Idealismus" - klar und in allen Hinsichten übersteigt. Die Akteure der Weltpolitik sind in Marx' Sicht Staaten, ja Grossmächte, die sich allerdings in kommerzielle, finanzielle, industrielle Grossmächte verwandeln müssen, um im "Konzert der Grossmächte" noch mitspielen zu können. Aber die Weltpolitik befindet sich in einer Übergangsperiode, in der der Weltmarkt noch keineswegs fertig und "moderne", kapitalistisch geprägte Grossmächte noch keineswegs allein und alles beherrschend sind. Es gibt dort, auf der einen Seite, die grosse militäriche und diplomatische Macht Russland, das nach Kontrolle über und Einfluss in der Politik Westeuropas strebt und dabei zugleich eine noch weitgehend traditionelle Expansions- und Eroberungspolitik verfolgt, die Politik einer sehr traditionellen, weitgehend noch vor-kapitalistischen Territorialmacht verfolgt. Dort gibt es, auf der anderen Seite, die neue europäische und internationale Vormacht Großbritannien, eine industrielle, kommerzielle und finanzielle Macht neuer Art, die seit ihren militärischen Siegen über den Rivalen Frankreich (die Supermacht des 18. Jahrhunderts) ein koloniales Handelsempire auf- und ausbaut und dabei dem altehrwürdigen Muster der Expansion einer See-, Kolonial- und Handelsmacht vergangener Jahrhunderte folgt. Dies Großbritannien wird zum Zentrum, zur Vormacht des kapitalisti-schen Weltmarkts, zur Macht, die alle anderen, minderen Mächte in Schach halten und ausbeuten kann. Der Zusammenprall dieser sehr eigenartig strukturierten Großmáchte ist es, was den Gang der europäischen und Weltpolitik für eine ganze Weile bestimmt. Zumindest vorläufig, denn die weitere Entwicklung zeichnet sich in Europa und Nordamerika schon ab - mit Aufstieg der "neuen Industrieländer" und "Entwicklungsstaaten" (developmental states) des 19. Jahrhunderts (Deutsches Reich, Frankreich unter dem Second Empire, die USA). Marx und Engels geben uns das erste Beispiel einer Analyse des Aufstiegs und Falls hegemonialer Mächte - allerdings modernen Hegemonialmächte, d.h. solcher, die in erster Linie kommerzielle, finanzielle und industrielle Mächte sind, und in zweiter Linie Militärmächte. Der moderne Kapitalismus und der organisierte Staatenkrieg, der bürokratische Militärstaat auf industrieller Grundlage sind eng miteinander verbunden und zusammen untergraben sie die konventionellen Weisheiten der Geo- und Großmachtpolitik. Eine neue (Un)ordnung der Weltpolitik ist die Folge - ein Kampf um den Weltmarkt, den die rivalisierenden Mächte mit allen Mitteln führen.


Michael R. Krätke, 1950, Professor für Politikwissenschaft und Ökonomie an der Universität von Amsterdam, zahlreiche Veröffentlichungen zur Politischen Ökonomie und Politischen Theorie. Mitherausgeber der SPW, Mitarbeiter der MEGA, Fellow des Internationalen Instituts für Sozialgeschichte in Amsterdam.


zurück          

 

 

Seitenanfang