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Thomas Wagner, Rüdiger Haude, Wolf-Dieter Narr
Für das Seminar sind drei Abschnitte vorgesehen. Im ersten ca. halbstündigen Abschnitt präsentieren die drei Veranstalter im Wechselgesang Aspekte des riesigen Themas. Der zweite Abschnitt - ca. 45 Minuten - dient der Diskussion. Im dritten Abschnitt wird in ca. einer Viertelstunde versucht, die berührten Aspekte des Themas pointiert zusammenzufassen und eventuell eine Fortsetzung der Diskussion voraus zu planen.
Stichworte, die im einleitenden Versuch, das Thema anzureißen, erläutert werden werden.
A. Skandalon Herrschaft - Herrschaftsfreie Utopie
Uraltes Skandalon Herrschaft mit wenigen historiografischen Lichtflecken; (menschheitsgeschichtlich betrachtet, ist die Herrschaft nicht gar so erdrückend: 5000 Jahre Staat, mit einer illustren Geschichte rebellischer Bewegung, vgl. HKWM, s.v. Herrschaftsfreie Gesellschaft; ferner "Temporary autonomous Zones" (Hakim Bey): Karneval, karibische Piraterie, "Maroons": Gemeinwesen entlaufener Sklaven, Eidgenossenschaften, Kibbuzim, etc.)
- Diese Lichtflecken aber zusammen mit dem uralt andauernden Streben der Menschen ent-decken die reale Möglichkeit herrschaftsfreier Gesellung. Sie lassen ihre konkrete Utopie zum systematischen kritischen Stachel aller bestehenden Verherrschaftlichungen werden;
- Die historisch besondere Herrschaft des Kapitals im Rahmen des präventiv repressiven staatlichen Gewaltmonopols befindet sich in den Zeiten der gegenwärtigen Globalisierung auf ihrem Höhepunkt. Ihre besonderen Kennzeichen: ihre Alldurchdringlichkeit, ihre Verdinglichung menschlicher Umgangs- und Verhaltensformen; ihre a-soziale, an einzelnen Institutionen und Personen nicht mehr fassbare Dynamik ("Niemandsherrschaft"). Ergebnis: die Antiquiertheit des darum selbst technologisch-biologisch zu innovierenden Menschen;
- Diese facta bruta in herrschaftsexpansiver Veränderung zusammen mit dem Marx und Genossinnen zugrunde- und vorausliegenden Versprechen der Herrschaftsfreiheit machen das Thema "Herrschaftsfreie Gesellschaft- Herrschaftsfreie Institutionen" zu einem Kernthema allen historisch bewussten Marxismus. Historisch und das heißt zugleich gegenwartsanalytisch bewusst kann derselbe nur genannt werden, wenn zum einen der Mangel anarchistischer Tradition im organisierten "Marxismus" des 19. Und 20. Jahrhunderts selbstkritisch bedacht wird; wenn zum zweiten die Notwendigkeit herrschaftskritischer Analyse quer durch die eng zusammenhängenden hauptsächlichen Vergesellschaftungsformen von "Kapital", "Staat", "Wissenschaft und Technologie" wie "Kultur" hier und heute geleistet wird; wenn zum dritten formenbewusst an konkreten Utopien analytisch-theoretisch und praktisch gearbeitet wird.
B. Herrschaftsfreie Gesellschaft - Herrschaftsfreie Institutionen - In Search of the Primitive
- Orientierung an vor-modernen, genauer: anders als modernen Formen der Vergesellschaftung schon um der Möglichkeit von Kritik willen vonnöten. Sonst Unterstreichen der Naturalisierungstendenz aller, insbesondere aller kapitalistischen, wissenschaftlich sklerotisierten Herrschaft;
- Fülle der Formelemente, die gelernt- erfahren werden können im Sinne des Wissens um herrschaftliche Abstürze, auf dem Weg, den Pierre Clastres, Eleanor Leacock und viele andere gezeigt haben: a la Reichtumsumverteilung; a la Verhinderung sich habituell eingrabender Arbeitsteilung (oder aber gerade ihre Akzentuierung, v.a. entlang der Gender-Grenze); qua Vermeiden von Entscheidungs- und Handlungsformen, die herrschaftliche Ungleichheit - und alle Herrschaft heißt zugleich Ungleichheit - installieren und Formen des Ausschlusses schaffen cf. Palaver;
- Institutionen also durchaus, aber emphatisch herrschaftsfreie. Institutionen meint unter anderem: durch symbolische Darstellung auf Dauer angelegte Umgangsformen von Menschen mit Menschen; Verlässlichkeit; Berechenbarkeit; sozial organisierte Räume und Zeiten; gegenseitige Hilfe als d i e Institutionen schlechthin; organisierte (Homöo-)Statik, also die Bedeutung von Herkommen/Bräuchen (Custom) entgegen oder Verlangsamung und Aufhebung der Dynamik. Zentrales Beispiel: law vs. custom als Regulierungs-bzw. Steuerungsinstrument, Entsprechend qualitativ andere Normen und Sanktionen (s. long, long ago die Dahrendorf-Sigrist-Kontroverse);
- Irokesen als Exempel "internationaler" Politik.
- Assoziationsformen des Widerstands ohne Zwang (gegenseitige Hilfe, Konsensualentscheidungen)
- Kooperation auf Augenhöhe mit Widerstand der Indigenen
- von nichtverstaatlichten Denkformen - und Inhalten lernen, Bsp. mündlich überliefertes Friedensgesetz der Irokesen, gehören zum kaum beachteten und daher nicht erschlossenen Fundament des politischen, das heißt, des ganz und gar gemeinschaftsbezogenen Denkens
- alternative herrschaftslose Konzepte wahrhaft basisverbundener politischer Autorität
C. Schwierigkeiten und Erfordernisse der gegenwärtigen "Transplantation"
- Keine unmittelbare Übertragung möglich. Die heutigen Quantitäten, die qualitativ umgeschlagen sind;
- Nötige Veränderungen politischer und ökonomischer Produktionsverhältnisse: mehr als Fingerzeige aus der Schule herrschaftsfreier Institutionen;
- Versuch derjenigen, die nicht nur marxistische Köpfe (samt ihren Kopfgeburten) darstellen, ein soziales und gleichursprünglich polititisch richtiges Stück im falschen Herrschaftsdanebenleben der Gegenwart zu verwirklichen. Verhalten zählt immer. Hier und heute.
- Übertragbarkeit herrschaftsfreier Strukturprinzipien aus vormodernen Kontexten in heutige: z.B. einer fraktalen politischen Struktur aus der genealogischen Logik segmentärer Gesellschaften in eine der freiwilligen Assoziation (Föderation von Föderationen etc.).
Literatur zum Thema
Rüdiger Haude/Thomas Wagner: Herrschaftsfreie Institutionen, Nomos-Verlag Baden-Baden 1999 (beim Verlag noch erhältlich)
Rüdiger Haude/Thomas Wagner: Herrschaftsfreie Gesellschaft, in: Historisch-Kritisches Wörterbuch des Marxismus, Band 6/1, Hamburg 2004, S. 136-161
Christian Sigrist: Regulierte Anarchie. Untersuchungen zum Fehlen und zur Entstehung politischer Herrschaft in segmentären Gesellschaften Afrikas, Münster 2005 [zuerst 1967]
Thomas Wagner: Irokesen und Demokratie. Ein Beitrag zur Soziologie interkultureller Kommunikation. Münster 2004
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