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Probleme der wissenschaftlichen Analyse gesellschaftlicher Klassen
- 12 Thesen zur II. Marxismuskonferenz (Berlin, April 2007) -

Helmut Steiner

1. Alle aktuellen Gesellschaften sind in sich strukturiert organisiert. Daran ändern auch alle tatsächlichen und zusätzlich ideologisierten Individualisierungs-Tendenzen nichts.
Die historischen Formen der gesellschaftlichen Strukturen sind dabei bezüglich ökonomischer, politischer, rechtlicher, moralischer und ideologischer Grundlagen, Begründungen, Dimensionen und gesellschaftlichen Organisationsformen außerordentlich vielfältig.
Die allgemeinste Form gesellschaftlicher Strukturierungen des "gesellschaftlichen Gesamtarbeiters" sind in kapitalistisch organisierten Gesellschaften die sozialen Klassen.

2. Soziale Klassen unterscheiden sich bezüglich ihrer jeweiligen Funktionen im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess in allgemeinster Form durch ihre unterschiedliche Art und das unterschiedliche Maß an der gesellschaftlichen, gemeinschaftlichen und individuellen Aneignung der natürlichen und gesellschaftlichen Produktionsbedingungen, tatsächlichen materiellen und geistigen Ressourcen, einschließlich der natürlichen Umwelt.
Das "Eigentums"-Kriterium unterschiedlicher sozialer Klassen ist nur über dieses Aneignungs-Verständnis und erst dann als materielles Substrat und in privatrechtlicher Form zu fassen. K. Marx unterschied dabei "faktisches Eigentum" (tatsächliche Verfügungsgewalt) von "rechtlichem Eigentum" (juristischer Titel). (MEW 25, 805 u. a.).

3. Vor und neben aller positiven und/oder negativen politischen und moralischen gesellschaftlichen Bewertung unterscheiden sich Klassen einer gegebenen Gesellschaft sozialstrukturell als Eigentümer und Nichteigentümer primär durch ihre jeweiligen Funktionen im ökonomischen und gesellschaftlichen Reproduktionsprozess. Das schließt ihre jeweiligen relationalen Beziehungen zu den anderen Funktionsträgern ökonomisch-gesellschaftlicher Reproduktion in einer gegebenen Gesellschaft in sich ein ("in Beziehung zu"). Hier und nur hier muss jede wissenschaftliche Struktur- und im besonderen Klassenanalyse des Rätsels Lösung suchen.
Differenzierungen, Modifikationen und Vermittlungen der Reproduktions-Funktionen können durch hochgradige Vergesellschaftungsprozesse diese Erkenntnis - in den aktuellen Entwicklungen (z. B. die Gesamtfunktion(en) der Klasse der "Kapitalisten" im heutigen kapitalistischen Reproduktionsprozess) - erschweren, aber nicht gegenstandslos machen. Auch sind die verschiedenen Ausdrucks- und Erscheinungsformen sozialer Klassen (Einkommen, Berufs- und Tätigkeitsgruppen, Prestige, Identifikationen u . a.) außerordentlich reiche und anschauliche empirische Indikatoren. Sie erklären aber die Klassen nicht. Sie können durch die hochgradigen Vergesellschaftungsprozesse und gesellschaftlichen Mechanismen das tatsächliche Klassenwesen sogar zusätzlich verschleiern.
4. Das Klassenverständnis generell, aber auch als gesellschaftliche Reproduktions-Funktion ist bereits vormarxistisch. Sowohl in der klassischen politischen Ökonomie wie im utopischen Sozialismus wurde es auf verschiedene Weise entwickelt, beispielhaft bei den Physiokraten, in F. Quesnays "Tableau Economique" und bei den utopischen Sozialisten u. a. St Simon (vgl. R. Herrnstadt, M. Kuczynski).
Obwohl K. Marx keine in sich geschlossene Arbeit über soziale Klassen verfasste, wird das sozialwissenschaftliche Klassenkonzept theoriegeschichtlich und gesellschaftspolitisch - in den aktuellen Negationen gesellschaftlicher Klassen sowieso - meinungsbildend vor allem mit Marx' Namen - und in Auseinandersetzungen mit ihm mit M. Weber - in Verbindung gebracht.
Tatsächlich zieht sich das Klassenkonzept durch das gesellschaftstheoretische Gesamtwerk von K. Marx und F. Engels. Es fehlt auch nicht an Bemühungen, es zusammenfassend darzustellen z. B. R. Gresshoff, M. Mauke, L. Nowak/M. Jarosinska.

5. Im wesentlichen konzentrieren sich die Interpretationen des Marxschen Klassenverständnisses auf mehrere Erörterungen in völlig unterschiedlichen Kontexten:
a) Marx' und Engels' frühe geschichtsphilosophische Perspektive der Polarisierung der mit der kapitalistischen Weltentwicklung sich immer stärker ausprägenden beiden Hauptklassen Bourgeoisie und Proletariat im "Manifest der Kommunistischen Partei" (1847); am Ende seines Schaffens in den "Theorien über den Mehrwert" politökonomisch unter Einschluß der "Mittelklasse" als eine instabile, aber beständige, sich immer wieder erneuernde sozialstrukturelle Gliederung im Reproduktionsprozess;
b) das Formieren des Proletariats von der Klasse "an sich" zur "Klasse für sich" in "Die Deutsche Ideologie" (1846) als konzeptioneller Ausgangspunkt für den gesellschaftlichen Prozess von "objektiven Strukturen" zu "kollektiv handelnden Akteuren",
c) die "soziale Lage der arbeitenden Klasse in England" (1844) in Engels gleichnamigen Buch (Zusammenwirken von Arbeitsteilung, industrieller Revolution und Lebensbedingungen),
d) die konkret-historische soziologische Charakterisierung agierender Klassen und Schichten in "Klassenkämpfe in Frankreich" (1850) und im "18. Brumaire des Louis Bonaparte" (1851/52),
e) den Beginn des nichtgeschriebenen Abschluss-Kapitels des "Kapital" über "Die Klassen", in dem er im Anschluss an die "Trinitarische Formel" von den drei Revenue-Formen (Profit, Arbeitslohn, Rente) ausgehend auf die damit verbundenen Klassen Bourgeoisie, Proletariat und Grundbesitzer als "Ausgangsklassen" rekuriert, um (vermutlich) der Gesamtanlage des "Kapitals" folgend die konkret empirische Mannigfaltigkeit der Klassenwirklichkeit des damaligen Kapitalismus auf der Grundlage des kapitalistischen Gesamtprozesses abzuleiten und zusammengefasst darzustellen (wie sie bei der Entwicklung des Gesamtreproduktions-Prozesses z. B. bei Zins, Unternehmergewinn u. a. schon sichtbar wird).
Auch bei Berücksichtigung der über das Gesamtwerk verstreuten sowie implizit enthaltenen Aussagen zur Klassen- und Sozialstruktur-Problematik sind neben der ausgebliebenen Gesamtdarstellung Defizite im Marxschen Werk unbestreitbar:
a) die unzureichende Ausarbeitung der Herrschafts- und gesamten vertikal-politischen - und ideologischen Problematik der Klassen, obwohl es in seinem Gesamtwerk enthalten ist und auch expliziert wird, z. B. spricht er von der "herrschenden" und der "dienenden" Klasse (MEGA II; 3.1, S. 117).
(Hier wirkte sich die nahezu ein Jahrhundert währende "nagende Kritik der Mäuse" am Manuskript von "Die Deutsche Ideologie" für ihr eigenes späteres Schaffen, für die Diskussion von G. Lukacs "Geschichte und Klassenbewusstsein" und das marxistische Denken insgesamt verheerend aus.
In dieses Vakuum stießen vor allem M. Weber mit seiner Herrschaftssoziologie sowie die mit V. Pareto, G. Mosca, R. Michels verbundenen bürgerlichen Elite-Theorien.
b) die Geschlechter-Frage. Sie blieb trotz einzelner prinzipieller Aussagen ("Der geschichtlich erste Klassengegensatz fällt zusammen mit dem Antagonismus von Mann und Frau" (MEW, 21, 68)) in ihren konzeptionellen Ausarbeitungen für die Sozialstruktur und die Klassentheorie de facto unberücksichtigt;
c) Klassen und Ethnien blieben bei den Analysen zu den kapitalistischen Kolonialreichen England und Frankreich nicht nur in der konkreten Analyse unberücksichtigt, sondern wurden auch nicht problematisiert.
(J. A. Schumpeter war sich zumindest des Problems bewusst, als er seinen grundlegenden Klassen-Aufsatz auf der Grundlage der ethnisch mannigfaltigen K. und K.-Monarchie Österreich-Ungarn ausdrücklich auf "Die sozialen Klassen im ethnisch homogenen Milieu" (1910/11, 1926/27) beschränkte);
d) Die gesamten Klassen-Aussagen wurden - soweit sie konkret-historisch waren - nur auf Nationalstaaten beschränkt und nicht auf das damals schon weltwirtschaftliche Geflecht bezogen.

6. W. I. Lenins tatsächlicher Beitrag zur Analyse und Erkenntnis von Klassen- und Sozialstrukturen einerseits und seine Aufnahme und Wirkung in der sozialwissenschaftlichen Literatur und politischen wie ideologischen Praxis andererseits erwiesen sich als spiegelverkehrt.
Zu Lenins bekanntester und wirkungsvollster Aussage zu Klassen gehört seine möglichst einfache Erläuterung auf einem Massenmeeting 1919 zur Mobilisierung von analphabetischen russischen Muschiks für freiwillige unbezahlte Arbeit zur Erhaltung und Stabilisierung der Sowjetmacht, die "Subbotniks" ("Die große Initiative" 1921).
Mir ist keine andere so einsichtige populäre Erläuterung bekannt. Doch Lenin formulierte sie so nirgends in seinen grundsätzlichen Schriften und erhob sie nicht in den Rang einer wissenschaftlichen Definition. Zu einer solchen wurde sie aber im ML-Marxismus. Sie wurde in der Sowjetunion, der DDR u. a. zu einer der streng kanonisierten Formulierungen, deren denkbare Erweiterung und weiterführende Erläuterung schon auf Argwohn und Ablehnung stieß. Die vorliegende Literatur und viele Debatten aus dieser Zeit bestätigen dies. Es dokumentiert die verhängnisvollen Auswirkungen auf die gesamte sozialstruktur- und klassentheoretischen Arbeiten im Einzugsbereich des ML-Marxismus.
Lenins tatsächliche Leistungen auf dem Gebiet der Klassen- und Sozialstruktur blieben demgegenüber - obwohl in den Gesamtausgaben seiner Werke in allen Weltsprachen allgemein zugänglich - weitgehend unberücksichtigt und kaum wissenschaftlich rezipiert. Sie betreffen in der hier gebotenen Kürze m. E.
- die Entwicklung des Kapitalismus in Russland und der Transformation der sich verändernden feudal-absolutistischen Klassen- und Sozialstruktur in frühkapitalistische (sowohl theoretisch, konkret-historisch und sozial-statistisch) (LW, Bd. 3),
- Ansätze für die Beurteilung der sozialstrukturellen Veränderungen nach der Revolution vor allem auf dem Dorfe,
- sehr detaillierte und differenzierte soziale Charakterisierungen (einschließlich Mentalität und politischem Verhalten) der russischen Bauern, des Kleinbürgertums (einschließlich "des Kleinbürgerlichen"), der russischen Bürokratie sowie
- Analysen zum Zusammenhang von sozialstrukturellen Charakteristika und politischen Strukturen (Parteien) in Russland.
Eine zusammenhängende Darstellung ist mir - auch russisch - nicht bekannt.
7. Das "Schicksal" des Marxschen Klassenkonzepts bzw. des Marxismus überhaupt in der Geschichte der Sozialwissenschaften ist verbunden
a) mit seinem weitreichenden administrativen sowie intellektuell-politischen Ausschluß aus dem institutionalisierten Wissenschaftsbetrieb der Universitäten sowie anderen Forschungseinrichtungen seit dem 19. bis ins 21. Jahrhundert der mehrheitlich kapitalistischen Welt;
b) einem intellektuell reduzierten, dogmatisierten und politisch-administrativ kanonisierten Verständnis des Marxschen Erbes im intellektuell-politischen Einzugsbereich der Sowjetunion und Komintern seit Anfang der 20er Jahre bis 1989 mit seinen desaströsen Auswirkungen bis in die Gegenwart.
Daraus folgen
- eine nur örtlich, institutionell, zeitlich sowie individuell und Gruppen- begrenzte weiterführende Marxismus - und im besonderen marxistische Klassen-Diskussion in bürgerlich-kapitalistischen Wissenschaftseinrichtungen,
- wenige bedeutsame marxistische Theorie- und im besonderen klassentheoretische Diskussionen in der II. Internationale (die Revisionismus-Auseinandersetzung an der Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert sowie die austromarxistischen Arbeiten von R. Hilferding, M. Adler, O. Bauer und K. Renner blieben zeitlich und territorial begrenzte Ausnahmen),
- keine weiterführende Theorie- und im besonderen klassentheoretische Diskussionen in der Komintern (A. Kollontais "Manifest der Arbeiteropposition" mit ihrer Kritik der neuen Sowjetbürokratie 1921 wurde vom III. Kongress der Komintern verurteilt und ihr Parteiausschluss gefordert; G. Lukacs "Geschichte und Klassenbewusstsein" löste 1923 eine verurteilende Diskussion mit schließlicher Selbstkritik des Autors aus, A. Gramscis "Gefängnishefte" aus dem faschistischen Gefängnis Italiens blieben über Jahrzehnte unbekannt) und heute sind sie speziell für die Klassenanalyse (außerhalb der Intellektuellen) wenig erschlossen und rezipiert (vgl. J. Rehmanns Gramsci - Weber - Buch).
- eine weitergehende politische Kriminalisierung unkonventionellen weiterführenden marxistischen Denkens "im Namen des Marxismus" in der Sowjetunion seit Ende der 20er Jahre zumindest bis in die 60er Jahre, zum Teil bis Mitte der 80er Jahre sowie mit differenziert analogen Konsequenzen im politischen Einzugsbereich der sozialistischen Staaten Osteuropas und in der internationalen kommunistischen Bewegung mit folgenreicher Diskreditierung jeglichen Marxismus nach 1989/90,
- schließlich eine territorial und zeitlich, Gruppen- und meist individuell begrenzte offene Marxismus-Diskussion in der Gegenwart, von denen auf die Klassenproblematik bezogen sich seit den 70er/80er Jahren vor allem in Westeuropa und den USA neue intellektuelle Initiativen entwickelten.
- In Osteuropa folgen einzelne Autoren wie St. Kozyr-Kowalski (Polen), I. Szelenyi (USA/Ungarn) sowie einige Autoren der mittleren Generation wie z. B. M. F. Tschernysch, Rußland, O. D. Kutsenko, Ukraine) - dabei z. T. Marx, aber mehr M. Weber folgend - klassentheoretischem Herangehen.

8. Daß ausgerechnet in den Marxscher Sozialtheorie verpflichteten Gesellschaften die Marxsche Klassentheorie - wenn überhaupt - nur sehr oberflächlich für die Analyse der eigenen Sozialstruktur genutzt wurde, gehört zum Arsenal der wissenschaftlichen Systemmängel des Staatssozialismus. Gab es in der DDR vorzügliche Analysen zur Sozialstruktur bis zum 19. Jahrhundert, beteiligten wir uns z. T. an den Diskussionen zu den sozialen Strukturveränderungen im Kapitalismus des 20. Jahrhunderts, so verzichteten wir auf entscheidende Bereiche einer marxistisch bestimmten klassentheoretischen Analyse der DDR-Gesellschaft. Obwohl die DDR von Anfang an die grundlegende Veränderung der Eigentums- und Klassenverhältnisse zu ihrem Programm erhob und auch diesbezüglich weitreichende Umgestaltungen durchsetzte, blieb die damit verbundene theoretische Problematik marxistischer Klassenanalyse der DDR-Gesellschaft und ihrer Veränderungen bis in die 60er Jahre aus den DDR-Gesellschaftswissenschaften total ausgespart und auch in der Folgezeit unterlag die Problematik entscheidend der Definitionsmacht des Politbüros. Zwar fanden Klassenkampf, Klassenstandpunkt, Klassenbewusstsein, klassenmäßige Erziehung u. ä. Eingang und Verbreitung in der politischen Alltagssprache, jedoch fehlte es an umfassenden und tabulosen Aussagen zur realen und sich verändernden Klassenstruktur der DDR.
Die soziale Herkunft wurde - historisch unterschiedlich praktiziert - zu einem entscheidenden positiven oder negativen Kriterium für weiterführende Bildungswege, die Zusammensetzung von gesellschaftlichen Gremien, Aufnahmen in die SED und Nomenklatur-Funktionen, ohne dass es dafür eindeutige Bestimmungen gab. Bei einer Mitte der 60er Jahre durchgeführten diesbezüglichen Recherche konnte ich über zwanzig mehr oder weniger voneinander abweichende Ein- und Zuordnungen ‚sozialer Herkunft' durch verschiedene Institutionen feststellen.
Alle Ansätze für eine marxistisch angelegte Analyse der sozialistischen Klassenstruktur des Staatssozialismus grenzte selbst in Ungarn A. Hegedüs aus dem wissenschaftlichen und öffentlichen Leben aus und zwang I. Szelenyi ins Exil.

9. Ein Höhepunkt des nichtmarxistischen sozialökonomischen Herangehens (K. Bücher, G. Schmoller, W. Sombart u. a.) an die Klassenproblematik um die Wende vom 19. zum 20. Jahrhundert ist das Werk Max Webers. In bewusster intellektueller Auseinandersetzung mit und gegen Karl Marx hat er - obwohl auch er keine systematische Gesamtausarbeitung seines Verständnisses sozialer Klassen veröffentlichte - die Eigentumsproblematik mit den Lebenslagen und Lebenschancen in Verbindung gebracht. Darüber hinaus sind m. E. drei weitere Schwerpunkte in seinen klassentheoretischen Arbeiten hervorhebenswert:
a) die Verbindung von sozialökonomischen und politischen sowie institutionellen Strukturen (Klassen und Parteien), womit er die sozialstrukturellen Herrschaftsstrukturen in den Mittelpunkt gerückt hat;
b) die eigenständige sozialstrukturelle Analyse der ökonomischen und politischen Bürokratie sowie
c) die Bearbeitung der empirischen Untersuchungen des "Vereins für Socialpolitik" über die ostelbischen Landarbeiter in ihrer Vielfalt von Ausbeutungs-, Unterdrückungs- und Abhängigkeitsverhältnissen.
Auch M. Weber hat - obwohl einer der Begründer und bekanntesten Theoretiker "sozialen Handelns" - keine Verbindung von Struktur- und Handlungstheorie, im besonderen für seine Klassentheorie entwickelt.
Über seine tatsächlichen Leistungen hinaus wirkt er heute als "Ideologum" an Stelle von Marx und Lenin, besonders in Osteuropa.

10. Für die erste Hälfte des 20. Jahrhunderts ist in Deutschland wie auch international eine intensive Diskussion um den sozialstrukturellen Platz der Angestellten, die damit verbundenen Strukturveränderungen der Arbeiterklasse sowie das Verständnis und die Perspektiven der Mittelklassen und -schichten charakteristisch.
Nach dem II. Weltkrieg setzte ausgehend von den USA in Westeuropa theoretisch eine Diskussion mit massiver antimarxistischer Behandlung der Sozialstruktur- und Klassentheorie ein. Empirisch wurden breit angelegte Untersuchungen, verbunden mit der Ausarbeitung einer Vielfalt methodologischer, methodisch-technischer Instrumentarien und theoretischer Operationalisierungen durchgeführt (Stratifikationstheorien, Mobilitätstheorien, Prestige- und andere subjektive Strukturtheorien, Herrschafts- und Elitetheorien u. a.).
Klassentheorien Marxscher wie auch Weberscher Art traten in den Hintergrund und wurden zusätzlich ideologisch stigmatisiert. Formalisierte und konstruktivistische u. a. Strukturtheorien wurden sozialökonomisch und soziologisch inhaltlich leer.
Für die BRD spricht J. Ritsert von der "fünffachen Abschaffung der Klassen durch die deutsche Soziologie der Nachkriegszeit" (1998). Er verbindet dies mit der "nivellierten Mittelstandsgesellschaft" (H. Schelskys), der Transformation der Klassen in "Konfliktgruppen und der Konflikttheorie" (R. Dahrendorf), die Wirkungen von D. Bells "nachindustriellen Gesellschaft" in Deutschland, "ins Jenseits von Marx und Weber" (U. Beck, St. Hradil u. a.) sowie mit ihren Thesen des Strukturbruchs, der Klassenerosion, der Pluralisierung, der Dezentrierung und Individualisierung sowie der Entdeckung "neuer sozialer Ungleichheiten", die mit Milieu, Lebenssituation u. a. - jegliche stabile Strukturen (nicht nur Klassen, sondern selbst Schichten) hochgradig unbestimmt werden lassen.
Dabei ist zu berücksichtigen, dass sich all diese theoretischen Anti-Klassen-Bestrebungen mit realen gesellschaftlichen Entwicklungstendenzen verbinden. Allzu oft haben wir sie nur mit der apologetischen Absicht in Verbindung gebracht und nicht oder auf jeden Fall zu wenig uns um eigene theoretische Erklärungen dieser realen gesellschaftlichen Tendenzen auf der Grundlage klassentheoretischen Herangehens gesucht.
Auch sind die genannten "Anti-Richtungen" in sich selbst sehr differenziert. Sie sind deshalb jeweils konkret im einzelnen hinsichtlich ihres Aussagewerts zu analysieren und zu beurteilen (z. B. sind die theoretischen Unbestimmtheiten der "sozialen Ungleichheits"-Konzeption bei St. Hradil eindeutig stärker ausgeprägt als bei dem inhaltlichen Klassenpositionen nahestehendem R. Kreckel).
Gleichzeitig hat sich in der BRD und im übrigen Westeuropa seit den 60er Jahren und vor allem in den 70er Jahren eine breit angelegte, fundierte und innovative marxistische und darüber hinausgehende linksalternative Sozialstruktur- und im besonderen Klassendiskussion entwickelt, m. E. die bedeutsamste im gesamten 20. Jahrhundert ("Klassen- und Sozialstruktur der BRD 1950 - 1970" des IMSF, "Projekt Klassenanalyse" an der FU Berlin und in Hamburg, das "Projekt Automation" u. a. beim "Argument", "Prokla-Projekt Klassenkampf" sowie mit diesen verbundene zahlreiche auf diesem Themenbereich über Jahre und inzwischen Jahrzehnte ausgewiesene Sozialwissenschaftler (außer den bereits genannten J. Bischoff, S. Herkommer, H. Jung, M. Koch, A. Leisewitz, M. Mauke, P. v. Oertzen, N. Poulantzas, K.-H. und M. Tjaden, M. Vester u. a.). Allerdings erfuhren sie keine meinungsbildende Hegemonie.
International erfuhr der klassentheoretische Zugang in der Sozialstruktur-Analyse erst wieder durch P. Bourdieu (Frankreich), A. Giddens (Großbritannien), G. Therborn (Schweden) und E. O. Wright (USA) und für die Transformations-Gesellschaften Osteuropas in der jüngsten Zeit von I. und S. Szelenyi sowie M. Burawoy und E. O. Wright aus den USA neue intellektuelle Impulse.
In den drei repräsentativen US-Readers "Class, Status & Power. Social Stratification in Comparative Perspective" (1953, 1967), "Classes, Power and Conflict. Classical and Contemporary Debates" (1982) und "Social Stratification. Class, Race and Gender in Sociological Perspective" (2001) - spiegeln sich die Schwerpunktverlagerung und Akzentsetzungen in der amerikanisch-englisch dominierten akademischen Sozialwissenschaft in der zweiten Hälfte des 20. Jahrhunderts wider. Dabei ist durchaus bemerkenswert, dass in dem jüngsten der drei den "Theories of Class" und dabei "Marx and Post-Marxists", den "The Ruling Class and Elites", "Modern Analyses of Class Mobility", "The Underclass and the Ghetto", "Gender and Class", "Post-Industrialism and the New Class" - ein vergleichsweise breiter Raum eingeräumt wird.
In Deutschland bieten seit etwa 10 Jahren die Bücher von J. Bischoff u. a., H. Bude / A. Willisch (2006), H.-J. Bieling u. a. (2001), M. Candeias (2004), R. Castel (2005), B. Dietrich (1999), K. Dörre (2003), L. Kohlmorgen (2004), M. Kronauer (2002), H.-J. Krysmanski (2004), S. Herkommer (1999), die Neuerscheinungen der MEGA und des HKWM, des VSA-Verlags und der Marx-Engels-Stiftung u. a., der Zeitschriften "Z" und "Widerspruch" - eine Fülle von Einsichten, Herausforderungen, Problemstellungen und Anregungen.
Für die Klassenanalysen des gegenwärtigen Kapitalismus stellen sich mindestens drei fundamentale Prozesse als besonders Theorie- und Methodologierelevant:
1. die neusten Produktivkraft- und Produktionsentwicklungen (High-Tech-Kapitalismus, Informationstechnologien),
2. die neue Qualität der Internationalisierung des Kapitals (Globalisierung),
3. die Konsequenzen des Finanzmarkt-Kapitalismus für die nationalen und internationalen Strukturierungen.

11. Die reichhaltigsten Impulse für eine wissenschaftliche Klassenanalyse gingen im letzten Drittel des 20. Jahrhunderts von Pierre Bourdieu aus. So vielgestaltig sein Gesamtwerk und inzwischen vielstimmig dessen Interpretation ist, so sehe ich das sozialkritisch-wissenschaftliche Potential Bourdieus speziell für die Klassen- und Sozialstruktur-Analyse vor allem
a) im Wiederaufgreifen und in der bislang umfassendsten soziologischen Ausarbeitung des Reproduktions-Ansatzes,
b) die mit der ökonomisch und gesellschaftlich-politischen Vergesellschaftung einhergehenden und aus ihr resultierenden Entfaltung und Ausdifferenzierung des Eigentums-Aneignungs-Verständnisses der für die Klassen- und Sozialstruktur-Analysen entscheidenden Ressourcen (‚ökonomisches', ‚politisches', ‚soziales', ‚kulturelles' und ‚symbolisches' Kapital),
c) die konzeptionelle Einbettung und forschungsorganisatorische Operationalisierung der Klassenanalyse in den jeweiligen "sozialen Raum" (Klassen und ‚soziales Milieu'),
d) die empirisch-soziographische Deskription algerischer und gegenwärtiger französischer sozialer Klassenwirklichkeit durch die aktiv einbezogenen Individuen als Forschungs-Subjekte ("Das Elend der sozialen Welt"), sowie
e) die Markierung des international agierenden Finanzkapitals als Modell Tietmeyer und seine handlungsmobilisierenden "Wortmeldungen im Dienste des Widerstands gegen die neoliberale Invasion".

12. Die stichwortartige Skizzierung der historischen Genesis und sich stellender Defizite rückt aktuell folgende theoretische und methodologische Forschungskomplexe und -fragen in den Mittelpunkt
a) die konstitutive Bedeutung des Eigentums als Aneignung für eine zeitgemäße Klassentheorie. Dabei ist der Eigentumsbegriff so zu fassen, dass er alle für den kapitalistischen Gesamtprozess und den Gesamtkapitalisten zutreffenden Vergesellschaftungen und korporativen Strukturen in ihrer Ausdifferenzierung als fungierendes ökonomisches, politisches, soziales, kulturelles und symbolisches Kapital (Bourdieu) im gesellschaftlichen Reproduktionsprozess theoretisch analysierbar werden lassen.
Im Ergebnis dessen kommt den empirisch begründeten theoretischen Bestimmungen der nationalen und internationalen (Monopol-, Groß-)Bourgeoisie als Klasse (in ihrer aktuellen empirisch konkret-historischen Gestalt), der "herrschenden Klasse(n)", der "Arbeiterklasse", "der Intelligenz / den Intellektuellen", den "underclass", den "Eliten" sowie dem Verhältnis von Eliten und Klassen sowie von "kapitalistischer" und "Transformations"-Bürokratie und dem klassenmäßig bestimmten politischen Herrschaftsmechanismus eine besondere Bedeutung zu.
b) Jede Sozialstruktur- und Klassentheorie bleibt praktisch-politisch steril, solange sie sich in der Struktur-Dimension erschöpft und nicht ihr konkretes gesellschaftliches Bewußtsein und Handeln als kollektive Subjekte und Akteure einbezieht (Klassenbewusstsein).
Auch hier verspricht mir die "gesellschaftliche Reproduktionstheorie" Bourdieus den zur Zeit vielversprechendsten Ansatz für eine sozialökonomische und materialistische Synthese von Struktur- und Handlungstheorien.
c) Unbestritten ist sicher inzwischen, dass "Geschlecht" sowie "Ethnien" unverzichtbare Bestandteile einer aktuell wissenschaftlich fundierten Sozialstruktur- und Klassentheorie zu sein haben. Aber neben zahlreichen Einzelstudien über Klasse und Geschlecht, resp. Patriarchat sowie Klasse und Ethnien steht ihre Integration in ein theoretisch konsistentes Konzept von Sozial- und Klassenstruktur aus.
Dabei ist noch offen, ob sie in eine Gesamtanalyse als eigenständige Dimension von vornherein einzubeziehen oder eigenständig durchzuführen und zusätzlich / ergänzend zu integrieren sind. Theoretisch-methodologisch neige ich zum ersten - Geschlecht wie auch Ethnien von vornherein als differenzierende Aneignungsbedingungen und -weisen in der Klassenanalyse zu erfassen - ohne mir über einen entsprechenden theoretisch-methodologischen Zugang klar zu sein.
d) Auf Dauer werden die rein nationalstaatlichen Sozialstruktur- und Klassenanalysen immer "unvollständiger", (auch für den eigenen Territorialbereich), wenn sie nicht die "internationale Dimension" der Eigentums- und Aneignungsprozesse des jeweiligen Landes bzw. auch abgeschlossener Regionen, wie z. B. der EU in ihrer differenzierten und in Wechselbeziehungen fungierenden Sozial- und Klassenstruktur einbeziehen (Problematik globaler und supranationaler Klassen und Klassenbeziehungen).
e) Alle theoretisch-methodologischen Sozialstruktur- und Klassenkonzepte haben sich in konkret-historischen Gesellschaftsanalysen zu bewähren. Das sind für unsere aktuellen Gegenwarts-Gesellschaften vor allem
- der Typus der hochentwickelten, global agierenden Industrieländer (z. B. Deutschland, Frankreich, Großbritannien),
- die Globalmacht USA,
- die "kapitalistische Peripherie" innerhalb der früheren EU (z. B. Spanien, Portugal) sowie die "neu entstehende kapitalistische Peripherie" in der erweiterten EU Ost- und Ostmitteleuropas (z. B. Polen, Tschechien, Ungarn, Bulgarien, Rumänien).
- exemplarische Einzelfall-Studien in anderen Regionen der Welt (z. B. Argentinien, Brasilien, Chile, China, Indien, Israel, Japan, Russland, Schweden, Südafrika, Südkorea, Ukraine).
Das betrifft in jedem Fall konkret-historische Analysen
- der arbeitenden Klassen,
- des Profils und der Differenzierung der Ausbeuterklassen,
- der Vielgestaltigkeit sowie Stabilität/ Instabilität der Mittelklassen und -schichten,
- der sozialtheoretisch noch unbestimmter, aber politisch fungierenden und publizistisch verwandten "Eliten" sowie des Geflechts der politischen, Verwaltungs-, Kultur-, Wissenschafts- und Medien-Bürokratie,
- der aus dem gesellschaftlichen Reproduktionsprozess Ausgegrenzten (Exklusion underclass u. a.),
- des ökonomischen, politischen, ideologischen und theoretischen Klassenkampfes,
- der jeweiligen Einbettung und Wechselbeziehungen in die globalen Klassenbeziehungen des Kapitals und der Arbeitenden.

Zur zielstrebigen Bearbeitung und Überwindung der genannten Defizite und offener wissenschaftlicher Probleme marxistischer Klassenanalysen wird ein regelmäßiges (monatliches ?) wissenschaftliches Seminar (Diskussionskreis) zu einem jeweils konkreten Thema mit die Klassenproblematik bearbeitenden Fachkollegen vorgeschlagen.


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