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Klassenanalyse heute, Workshop
Einstellungen und Bewusstsein Lohnabhängiger

Hans Günter Bell

Zusammenfassung:
Der Vortrag soll zu einem realistischen Blick auf die Bereitschaft der arbeitenden Klassen zur grundlegenden Veränderung der Gesellschaft beitragen.

Aktuelle Erhebungen zeigen, wohlmöglich entgegen der Intension ihrer Auftraggeber, Anknüpfungspunkte für antikapitalistische Politik. Auch zwei fundiertere sozialwissenschaftliche Untersuchungen aus den Jahren 2000 und 2004 kommen zu Ergebnisse, die die Linke aufhorchen lassen sollte.

Die Einbeziehung ausgewählter industriesoziologischer Untersuchungen der letzten 50 Jahre verdeutlicht einerseits Konstanten in Einstellungen und Bewusstseins Lohnabhängiger, wirft aber andererseits durch teils widersprüchliche Untersuchungsergebnisse Fragen auf.

Auf alle Fälle gilt jedoch, sich nicht nur die Rosinen rauszupicken, sondern auch die Ergebnisse zur Kenntnis zu nehmen, die Hindernisse für die Durchsetzung antikapitalistischer Politik darstellen.

1. Aktuelle repräsentative sozialwissenschaftliche Erhebungen zeigen Anknüpfungspunkte für antikapitalistische Politik, aber auch Widersprüche und Ungereimtheiten im Alltagsbewusstsein.

Die im Auftrag der SPD nahen Friedrich-Ebert-Stiftung von TNS Infratest Sozialforschung 2006 durchgeführte Studie "Gesellschaft im Reformprozess" [1] stellte als dominante gesellschaftliche Grundstimmung "Verunsicherung" fest. 49 Prozent der Befragten befürchten, ihren Lebensstandard nicht halten zu können; und 61 Prozent meinen, es gibt keine Mitte mehr, nur noch ein Oben und Unten.

Die monatlich in der FAZ veröffentlichten Befragungsergebnisse des Instituts für Demoskopie Allensbach ermittelten im Dezember 2006 ähnlich ‚Beunruhigendes' für die herrschenden Klassen [2]: Die überwältigende Mehrheit bestreitet, dass Deutschland eine Soziale Marktwirtschaft hat; auch hat sich die Überzeugung verstärkt, dass Wirtschaft und Bevölkerung gegensätzliche und unvereinbare Interessen haben. Dass trotz allem von den Bundestagsparteien mit großem Abstand vor allem die SPD als "Anwalt der Interessen der kleinen Leute" gilt, macht aber auch deutlich, welche Brüche in den Anschauungen der Menschen vorhanden sind.


2. Auch zwei sozialwissenschaftliche Befragungen von Industriearbeitern und -angestellten und von IG Metall-Betriebsratsmitgliedern oder -Vertrauensleuten kommen zu Ergebnisse, die die Linke aufhorchen lassen sollte.

In einem ersten Schritt ist zu fragen, ob die Ergebnisse dieser repräsentativen Erhebungen Bestand haben, wenn man sich der Kerngruppe der arbeitenden Klassen zuwendet. Zwei Studien geben hierüber Aufschluss:

· Weber-Menges, Sonja: "Arbeiterklasse" oder Arbeitnehmer? Vergleichende empirische Untersuchung zu Soziallagen und Lebensstilen von Arbeitern und Angestellten in Industriebetrieben; Wiesbaden: VS Verlag für Sozialwissenschaften, 2004.

· Bergmann, Joachim / Bürckmann, Erwin / Dabrowski, Hartmut: Krisen und Krisenerfahrungen. Einschätzungen und Deutungen von Betriebsräten und Vertrauensleuten; Hamburg: VSA-Verlag, 2002

Sonja Weber-Menges hat 2004 eine vergleichende empirische Untersuchung zu Soziallagen, Lebenschancen und Einstellungen von Arbeitern und Angestellten in westdeutschen Industriebetrieben vorgelegt. Befragt wurden Arbeiter und Angestellte unterschiedlicher Industriezweige und in Unternehmen unterschiedlicher Größe. Die Hauptuntersuchung wurde in Form einer schriftlichen Befragung (standardisierter Fragebogen) in 2001 durchgeführt. Die Stichprobe kann als repräsentativ Industriearbeiter und -angestellte in den alten Bundesländern gelten.

Gefragt nach Klassen- und Schichtenstrukturen der Gesellschaft hatten die ganz überwiegende Mehrzahl der Arbeiter und Angestellten ein "Oben-Mitte-Unten-Schema" vor Augen. Bipolare Vorstellungen (Arme - Reiche) wurden so gut wie nicht vertreten. In einer solchen Gesellschaftsstruktur stufte sich eine deutliche Mehrheit der Un- und Angelernten, Facharbeiter und Vorarbeiter selbst als Mitglied der Arbeiterklasse/-schicht ein.

Zum Zeitpunkt der Befragung machten sich 60 Prozent der Un- und Angelernten und 32 Prozent der Facharbeiter große Sorgen um den eigenen Arbeitsplatz.

Wirklich unzufrieden mit ihrer Lage in verschiedenen Lebensbereichen waren jedoch allein die un- und angelernten Arbeiter.

91 Prozent der Un- und Angelernten gaben an, im Freundes- oder Bekanntenkreis nie oder eher selten über politische oder gesellschaftliche Themen zu diskutieren (während 71 Prozent der leitenden Angestellten angaben, dies oft oder sehr oft zu tun).

Die Arbeit hat im Denken der Arbeiter und Angestellten nach wie vor einen hohen Stellenwert. Mit Ausnahme der un- und angelernten Arbeiter empfinden alle Gruppen von Arbeitern und Angestellten einen gewissen Stolz auf ihre Arbeitsleistung. Eine große Mehrheit der Arbeiter und der einfachen Angestellten empfindet jedoch auch, dass ihre Arbeitsleistung in finanzieller Hinsicht nicht richtig gewürdigt wird.

Weber-Menges zieht als Fazit,
"dass vor allem bei Un- und Angelernten sowie Facharbeitern größtenteils ein Lohnarbeiterbewusstsein fortbesteht, dessen Konturen nach wie vor durch die Interessenwidersprüche von Kapital und Arbeit, jedoch auch durch Interessengegensätze zwischen ihnen und den Vorgesetzten geprägt werden. Von einer durchgängigen Auflösung arbeiterspezifischer Merkmale im Bewusstsein von Produktionsarbeitern kann daher [...] nicht die Rede sein." [3]

Im Rahmen des Forschungsprojektes "Krisen und Krisenerfahrungen. Einschätzungen und Deutungen von Betriebsräten und Vertrauensleuten" wurden von Joachim Bergmann, Erwin Bürckmann und Hartmut Dabrowski im Jahr 2000 38 Teilnehmerinnen und Teilnehmer an Lehrgängen im IG Metall-Bildungszentrum Sprockhövel interviewt. Alle Befragten kamen aus westdeutschen Betrieben; waren Betriebsratsmitglieder oder Vertrauensleute; Mitglied der IG Metall und - mit nur einer Ausnahme - entweder selbst Arbeiter oder vertraten, auch wenn sie selbst Angestellte waren, gewerbliche Arbeitnehmerinnen und Arbeitnehmer. Die Befragung ist nicht repräsentativ.

Die Befragten erleben sich und ihre Klassenorganisationen in der Defensive, erfahren gesellschaftliche Ohnmacht und sehen sich in der politischen Arena "ohne verlässliche Repräsentanz". [4]

Alles in allem hat man sich trotzdem mit den bestehenden politischen und gesellschaftlichen Verhältnissen arrangiert; und trotz Enttäuschung und Kritik kann bei der großen Mehrheit der Befragten nicht von massiver Unzufriedenheit mit den politischen Zuständen die Rede sein.

Selbst vielen der befragten Betriebsräte und Vertrauensleute fehlt es weithin an Begriffen zur Kennzeichnung der gesellschaftlichen Ungleichheiten. Nur einer Minderheit der Befragten waren elementare ökonomische Zusammenhänge bekannt. Ihr Problembewusstsein war vielmehr durch eine unzureichende Deutung der Krisenerfahrungen charakterisiert: Personalisierung, Ausblendung, Relativierung, abstrakte Forderungen, Ausweichen in Wunschvorstellungen, Suche nach Sündenböcken und Griff nach Klischees überwogen. Demgegenüber bereiteten gelegentliche Nachfragen "mit den Reizworten ‚Klassengesellschaft' oder ‚Arbeiterklasse' [...] zumeist Verlegenheit." [5]

Doch immerhin stellen Bergmann, Bürckmann und Dabrowski fest:

"Was die Befragten über die Angst um den Arbeitsplatz, über Leistungsdruck und Konkurrenzverhalten erzählen, kennzeichnet recht genau, was in der älteren Theoriesprache Lohnarbeiterexistenz hieß, und die einschlägigen Interviewpassagen lassen sich als Umschreibung von klassenspezifischen Erfahrungen interpretieren." [6]


3.1 Vergleicht man diese Untersuchungsergebnisse mit den älteren Untersuchungen [7] so sind einerseits einige Konstanten der Einstellungen und des Bewusstseins der Lohnabhängigen erkennbar.

In einem zweiten Schritt ist zu fragen, ob die Untersuchungsergebnisse auch in historischer Perspektive bestätigt werden, ob es also Hinweise auf Konstanten der Einstellungen und des Bewusstseins der Lohnabhängigen gibt.

Unter dem Vorbehalt einer nur eingeschränkten Vergleichbarkeit der Untersuchungen aufgrund ihrer unterschiedlichen erkenntnisleitenden Interesse, Gegenstände und Methoden lassen sich folgende Konstanten vermuten:

a) Die objektive Existenzunsicherheit ihrer Lebenssituation ist den Lohnabhängigen bewusst. Es ist daher nur folgerichtig, dass die Sicherheit des Arbeitsplatzes für sie die zentrale Frage ist.

b) Immer wieder stoßen die Untersuchungen auf ein "Kollektivbewusstsein", das Popitz u.a. folgendermaßen charakterisiert haben:
"Die Arbeiterschaft hat etwas zu bieten, das dem Kapital - dem ‚toten Kapital' - zumindest ebenbürtig, wenn nicht überlegen ist: die Arbeit - die ‚menschliche Arbeit'. Sie wird verstanden als körperliche Arbeit, das heißt diejenige menschliche Tätigkeit, die am sinnfälligsten ‚Arbeit' ist, als produktive Arbeit, das heißt als unmittelbar wertschaffende Leistung." [8]

c) Das System der Lohnarbeit ist im Bewusstsein so stark verankert, dass es trotz aller Kritik im einzelnen, grundsätzlich nicht in Frage gestellt wird. Vorstellungen, die über die Artikulation der eigenen aufgezwungenen Situation hinausgehen und den Aufbau der Gesellschaft insgesamt reflektieren, sind wenig präsent. [9]

d) Charakteristisch für die Mehrheit der Lohnabhängigen sind ihre beschränkten Möglichkeiten der Beteiligung an relevanten politischen und ökonomischen Entscheidungen, ihr "pragmatisches Einverständnis" [10] mit der bestehenden gesellschaftlichen und politischen Ordnung, und nur geringes Interesse an politischen Fragen.

e) Wirklich unzufrieden mit ihrer Lage sind allein die un- und angelernten Arbeiter.


3.2 Andererseits liegen auch widersprüchliche Untersuchungsergebnisse vor bzw. sind möglicherweise reale Veränderungen in den Anschauungen erfolgt:

a) Während Weber-Menges feststellt, dass bipolare Gesellschaftsvorstellungen so gut wie nicht vertreten werden, kommen ältere Untersuchungen zum entgegengesetzten Ergebnis: Popitz u.a. fanden die Vorstellung einer dichotomischen Struktur der Gesellschaft in den 1950er Jahren bei allen Arbeitern, mit denen sie gesprochen haben und die überhaupt ein Gesellschaftsbild in dem von ihnen definierten Sinne entwickelt hatten. [11] Auch Kudera u.a. bemerkten diese Vorstellung in den 1970er Jahren noch "allenthalben" .[12]

b) Auch ob sich Un- und Angelernten, Facharbeiter und Vorarbeiter selbst als Mitglied der Arbeiterklasse/-schicht einstufen, ist strittig. Weber-Menges zieht als Fazit:

"Aus der Vorstellungswelt der Un- und Angelernten, Facharbeiter und Vorarbeiter war die Arbeiterschicht durchaus nicht verschwunden, denn ihre überwiegende Mehrheit rechnete sich ihr nach wie vor zu." [13]

Dies unterscheidet sich auffallend von der Erhebung von Herding / Kirchlechner, derzufolge sich Anfang der 1970er Jahre nur 37 % der Ungelernten und 31 % der Arbeiter zur Arbeiterklasse / Unterschicht zählten; [14] und auch von den Ergebnissen der aktuellen Untersuchung von Bergmann, Bürckmann und Dabrowski, die feststellten, dass die befragten Betriebsräte und Vertrauensleute ihre soziale Position der Mitte der gegenwärtigen Gesellschaft zurechnen. [15]


4. Aus diesen Untersuchungen kann die Linke zumindest lernen, dass die Hoffnung, Krisen würden die Herausbildung von Klassenbewusstsein fördern, trügerisch ist.

Tatsächlich sind es zwar häufig Krisenprozesse, die Klassengegensätze auch für die arbeitenden Klassen erfahrbar machen, "ein unmittelbarer Kausalzusammenhang zwischen Krisen- und Klassenbewusstsein existiert jedoch nicht". [16] Objektive Strukturveränderungen und offene Angriffe auf den Lebensstandard der arbeitenden Klassen führen eben nicht aus sich heraus zu mehr Klassenbewusstsein und politischem Engagement.

Tatsächlich ist die Frage, wie jedeR einzelne die subjektiven Erfahrungen von Ohnmacht, Gefährdung und Bedrohung persönlich verarbeitet, zunächst offen. Eine mögliche Folgerung - gespeist aus der Hoffnung, die eigene Lage verändern zu können - ist Protest und Engagement; eine andere, ebenso mögliche ist jedoch Gleichgültigkeit und Resignation.

Welche Verhaltensweise die Oberhand gewinnt, hängt nicht zuletzt auch vom Vorhandensein und der Stärke einer organisierten Arbeiterbewegung ab. Fehlt diese orientierende Kraft, bleibt die große Mehrzahl der Lohnabhängigen der herrschenden Ideologie verfangen und suchen allenfalls nach bloß individuellen Wegen zur Verbesserung ihrer Lage.


1 Friedrich-Ebert-Stiftung (Hg.), Müller-Hilmer, Rita / TNS Infratest Sozialforschung (Bearb.): Gesellschaft im Reformprozess; Bonn, 2006.

2 Renate Köcher: Die Distanz zwischen Bürgern und Wirtschaft wächst (FAZ vom 20.12.2006).

3 Weber-Menges, 2004, 272.

4 Bergmann / Bürckmann / Dabrowski, 2002, 28.

5 Bergmann / Bürckmann / Dabrowski, 2002, 36.

6 Bergmann / Bürckmann / Dabrowski, 2002, 18.

7 Popitz, Heinrich / u.a.: Das Gesellschaftsbild des Arbeiters; Tübingen: J.C.B. Mohr, 1977 (5. Aufl) [1957]; Kern, Horst / Schumann, Michael: Industriearbeit und Arbeiterbewußtsein, Frankfurt a.M.: Suhrkamp Verlag, 1970; Herding, Richard / Kirchlechner, Berndt: Lohnarbeiterinteressen: Homogenität und Fraktionierung. Eine empirische Untersuchung bei westdeutschen Arbeitern und Angestellten über soziale Ungleichheit und materielle Ansprüche; Frankfurt a.M.: Campus Verlag, 1979; Kudera, Werner / u.a.: Gesellschaftliches und politisches Bewußtsein von Arbeitern. Eine empirische Untersuchung; Frankfurt a.M.: Europäische Verlagsanstalt, 1979; Herkommer, Sebastian / u.a.: Gesellschaftsbewußtsein und Gewerkschaften. Arbeitsbedingungen, Lebensverhältnisse, Bewußtseinsänderungen und gewerkschaftliche Strategie von 1945 bis 1979; Hamburg: VSA-Verlag, 1979. Alle diese Untersuchungen klammern – ebenso wie Weber-Menges und Bergmann / Bürckmann / Dabrowski – ausländische ArbeitnehmerInnen aus der Untersuchungsgruppe aus.

8 Popitz / u.a., 1977, 238 (Herv. im Original); vgl. Herkommer / u.a., 1979, 54.

9 Vgl. Kudera / u.a., 1979, 353.

10 Kudera / u.a., 1979, 373.

11 Vgl. Popitz / u.a., 1957, 237.

12 Kudera / u.a., 1979, 353.

13 Weber-Menges, 2004, 377.

14 Vgl. Herding / Kirchlechner, 1979, 270.

15 Vgl. Bergmann / Bürckmann / Dabrowski, 2002, 36.

16 Dörre, Frank: Neubildung gesellschaftlicher Klassen; in: Bischoff, Joachim / u.a. (Hg.): Klassen und soziale Bewegungen. Strukturen im modernen Kapitalismus, Hamburg: VSA-Verlag, 2003, 22.

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