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Manuel Kellner
Unter kapitalistischen Verhältnissen kommt keine Organisation von einiger Bedeutung ohne hauptamtliche Funktionäre und professionelle Zuarbeit (zum Beispiel von JournalistInnen und Medienleuten, ExpertInnen usw.) aus. Die so entstehenden Apparate und Schichten von Hauptamtlichen haben in der Arbeiterbewegung von Anfang an eine zweischneidige Rolle gespielt. Sie waren unentbehrlich, zeigten aber auch eine Tendenz zur Verselbständigung und zur Entwicklung von Sonderinteressen und entwickelten sich zum entscheidenden Hebel für die Anpassung von Genossenschaften, Gewerkschaften und Parteien an die bestehenden Verhältnisse, vor allem im Rahmen bürgerlich-parlamentarischer Demokratien.
Sobald die Politik einer Partei von einem Heer von MandatsträgerInnen, hauptamtlichen VorständlerInnen und BürgermeisterInnen etc. bestimmt wird, verkommt die emanzipatorische, sozialistische, kommunistische Zielsetzung zur Makulatur und wird am Ende der Entwicklung auch offiziell aufgegeben. Das Führungspersonal der ursprünglichen Arbeiterpartei oder linken Partei wird zum Teil der politischen Kaste, die im Interesse der herrschenden Klasse unter Ausschluss der abhängig beschäftigten, erwerbslosen, eigentumsfreien Mehrheit regiert. Es verschmilzt weitgehend mit der bürgerlich-demokratischen Regierungsmaschinerie.
Die bürgerliche Bürokratiekritik konzentriert sich auf die Kritik der in der Arbeiterbewegung oder auch in den Ausbruchsversuchen aus dem Kapitalismus entstandenen Bürokratien und stellt die Bürokratisierung linker Organisationen und Parteien und nichtkapitalistischer Wirtschafts- und Gesellschaftssysteme als unausweichlich dar. Sie vergisst, dass gerade die soziale Arbeitsteilung in der bürgerlich-patriarchalischen Klassengesellschaft die bürokratischen Monstren gebiert, von denen diejenigen, die in der Arbeiterbewegung entstanden sind und immer wieder entstehen, nur eine abgeleitete Form sind.
Der marxistische Theoretiker Ernest Mandel (1923-1995) hat herausgearbeitet, dass die Dialektik partieller Errungenschaften den Problemen der Bürokratisierung und der Anpassung zugrunde liegt. Nur der Durchbruch zu umfassender sozialistischer Demokratie bei hohem Grad der Eigenaktivität und Selbstorganisation von unten kann die Bürokratisierungstendenzen überwinden. Der Grad der Bürokratisierung und der Anpassung an die bestehenden Verhältnisse ist zudem eine Funktion des relativen Aktivitäts- oder Passivitätsgrads der breiten Massen. Das wichtigste Gegengift ist demnach die systematische Förderung dieser Eigenaktivität und Selbstorganisation von unten, verbunden mit der Entwicklung eines demokratischen Organisationslebens der Parteien, in dem die Verantwortlichen kontrolliert werden und die Mitglieder möglichst weitgehend die Politik ihrer Organisationen bestimmen. Dazu gehört das Recht der Mitglieder, sich zu Strömungen und Meinungsgruppen zusammenzuschließen, denn sonst wird die Organisation nur von einer Fraktion beherrscht: Von der jeweiligen Führungsmehrheit, die Apparat und Ressourcen kontrolliert.
Köln, den 7. März 2007
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